Gault&Millau Hüttenguide Tirol (A): Schau mir unter die Haube, Kleine!

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Auf der Alp, da soll es nicht nur keine Sünd’, sondern auch keine Konservenküche geben. So verspricht es der österreichische Feinschmecker-Guide Gault&Millau und hat eine neue Kategorie «Hüttenhaube» geschaffen. Was ist dran und drin?

DIE FAKTEN
Buchtitel: «Gault&Millau Hüttenguide Tirol»
Umfang: 60 Seiten, 72 Tiroler Alphütten
Preis: CHF 10.– bzw. Euro 7.90 (im Buchhandel erhältlich)

DIE GANZE GESCHICHTE
Auf der Alp, da gibt’s längst nicht mehr nur Konservenküche, sondern «frische, regionale und saisonale Gerichte». So versprechen es die Tiroler. Und haben den österreichischen Feinschmecker-Guide Gault&Millau durch die Kategorie «Hüttenhaube» erweitert. Gleich 72 Alphütten schmücken sich neuerdings mit einer solchen Haube. Von «Frische-Feuer» ist die Rede. Und davon, dass «der Trend zu frischem, ergo auch gesundem Essen unaufhaltsam» sei. Von «verfeinerten Speisen, wo Fett zugunsten des Geschmacks eingespart und alte Rezepte adaptiert und neue Geschmacksvarianten integriert würden». Auch am optischen Auftrittsbild sei gearbeitet worden.

Gault&Millau Hüttenguide Tirol: Alpen-Gourmet

Klingt wie eine göttliche Verheissung! Sofort habe ich mich mit meiner Betty aufgemacht, unter diese Hauben zu kommen. Ich selbst bin zwar eher der Bratwurst & Röschti-Typ. Aber sie mag es gern fein und schön, meine Betty. Und Gourmet-Küche zaubert ihr ein Funkeln in die Augen. Unser Ausgangspunkt ist Steeg, ein Mini-Dorf im oberen Lechtal, etwa 1 ½ Autostunden von der Grenze bei Feldkirch entfernt. Gleich «hinter» dem Arlberg. Herrlich grün, herrlich ruhig und angenehm verschlafen. Viele der Hotels im Lechtal sind im rustikalen Chaletstil erbaut und tragen Rot und Weiss auf den Balkonen. Auch unsere Bleibe – fast schweizerisch. Aber sie haben ja auch «unsere» Farben in ihrer Flagge, die Österreicher 😊.


Lechtal: Im Wandertenu zur Götterspeise

Zum ersten «Test» fahren wir Richtung «Petersbergalm» auf 1250 Metern, eine der «Hauben-Hütten» im Tiroler Hüttenguide. Betty wollte sich richtig feinmachen zum Lunch auf dem Berg, aber erst heisst es vom Ausgangspunkt Vorderhornbach 1 ½ Stunden auf Waldwegen spazieren. Da passt das Wandertenü besser. Unterwegs malen wir uns aus, wie das mit dem Haubenzauber auf der Hütte in Hinterhornbach wohl sein wird: Brenesselschaumsüppchen auf einem Heubett serviert – so wie der legendäre Heuburdeli-Kafi auf der Nidwaldner Bannalp -, knackiger Salat mit Löwenzahnblüten vom Hornbach-Ufer oder ein leichtes Käsesüppchen mit Kräutercroutons? Wo doch auf den saftigen Weiden «unserer» Alp mehr als 20 Kühe grasen – mehr als genug «Stoff» für Käse- und frische Kräuterspezialitäten, aus denen Betty’s Gourmet-Träume sind.

Hüttenzauber ja – Haubenzauber nein

Das Alpbeizli «Petersbergalm» ist einladend hübsch und heimelig,  so wie viele Alphütten. Auch hier blühen rote Geranien vor den Fenstern, und im Freien stehen lange Holztische und -bänke. Käser Karlheinz Strohmeier verarbeitet jeden Sommer etwa fünf  Tonnen Käse und zeigt uns stolz den Reifekeller. Bevor er seine Brotzeitplatte serviert. Mit hausgemachten Käsespezialitäten vom 2-Monate-«Jungspund» bis zum reifen Alten. Und dazu Schinken. Und Salamiwurst. Und weitere Charcuterie-Köstlichkeiten, die ich noch nie gegessen habe. Allesamt gut, allesamt deftig. Serviert auf einem einfachen Holzbrett, ergänzt durch Zwiebeln und Tomaten. Aber nichts mit Schaumsüppchen, Blumendekor oder Alpenkräuter-Feeling, wie sich Betty das erträumt hatte. Zum Glück blieb ihr Seidenkleid im Hotel…

Kochen am offenen Herd

Am selben Abend besuchen wir eine klassische Tiroler Gaststätte, die bereits eine Institution – aber nicht im Hüttenguide aufgeführt ist. In seiner «Geierwally» im Lechtaler Dorf Elbigenalp kocht Wirt Guide Degasperi seit Jahrzehnten am offenen Herd mitten im Restaurant. Hier werden Tiroler Spezialitäten zubereitet, die so köstlich deftig munden wie sie klingen: Schlampenknödel, Krautkrapfen, Tiroler Herrenpilzsuppe und zum Dessert eine spannende Variante des berühmten Kaiserschmarrns. Das Ambiente ist urchig, die Stimmung gemütlich – auch ohne jede «Hüttenhaube». Und die Freilichtbühne der legendären Geierwally nur 300 Meter entfernt.

Mit einer Kräuterhexe auf Tour

Natürlich werden wir in diesen Tagen auch Schnäpse probieren, eine ehrliche, gute Hausbrennerei besichtigen.  Und auf Kräutertour gehen mit einer «Hexe». Auf der Sonnalm auf 1800 Metern, etwas unterhalb der Jöchelspitze, lernen wir von «Kräuterhexe» Daniela, dass der Blaue Eisenhut, ein hochgewachsener Schönling, tödlich sein und Enzian zu einem aromatischen Schnaps gebrannt werden kann. Und Brennesselblätter ganz viel Vitamin C in sich tragen. «Ob wir solche Kräuterschätze auch kulinarisch geniessen werden können», fragt mich Betty ironisch.

Wandern und Schlemmen im Tannheimertal

Nicht in jenen Betrieben, die wir uns testweise aus dem Tiroler Hüttenguide picken. Auch nicht im Tannheimertal, einem touristisch gut erschlossenen Hochtal im Westen Tirols und umgeben von zahlreichen Zweitausendern. Samt Seen wie dem Haldensee, dem verträumten Vilsalpsee und tollen Wandermöglichkeiten. Im Tannheimertal also gönnen wir uns einen Ausflug auf die «Krinnenalpe». Dieser Alpgetrieb ist ebenfalls Hauben-gekürt und erreichbar mit einer Sesselbahn vom Dorf Nesselwängle aus. Obschon eine Wanderung hinauf vernünftiger gewesen wäre nach all den Knödel-Kalorien 😊. Auf der 1530 Meter hoch gelegenen Krinnenalpe sorgt Hüttenwart Martin Rief für das Wohl von 150 Kühen und vielen Tagesgästen. Sein Stolz seit über 30 Jahren: Die «Hüttenpfanne», ein Schwergewicht aus Carréspeck, Eiern, Zwiebeln, Knoblauch, Peperoni, Tomaten und Bergkäse. «Is a bissserl was Deftiges», betont er augenzwinkernd, als er Bettys irritierten Blick realisiert. Auch Riefs Produkte stammen überwiegend aus einheimischer Produktion; vom Bergkäse über Sulz bis zu Speck. Und sind mir lieb – wenn auch alles andere als Leichtgewichte. Das Rezept dazu hat mir übrigens Alpen-Fachfrau Charis Stank verraten, die in ihrem Blog Tipps und Geschichten zu spannenden Zieln in den Bergen bereit hält. Also schaut mal bei ihr rein!

Gault&Millau: Optik ist auf den Hütten sekundär

Eine Frage beschäftigt meine Betty und mich: Was darf man in einem Gault&Millau-Alpbetrieb erwarten – und was NICHT? «Beste Qualität der Speisen und Getränke, professionellen und zuvorkommenden Service und ein Angebot, das über manchen Klassiker hinausgeht», wird uns Chefredaktorin Martina Hohenlohe erklären, «fertig gekaufte Salate, Dosensuppen und dergleichen stehen in Gault&Millau-Hütten nicht im Programm.» Und welche Rolle spielen Optik und Präsentation auf dem Teller – wo sich Betty doch so auf phantasievolle Kulinarik-Arrangements gefreut hatte? Auch hier wird relativiert: «Hüttenessen ist nach wie vor traditionell und ehrlich, da braucht es kein Kreativporzellan und Verzierungen.» Vielleicht auch gar keine «Hüttenhaube»?

Einfach eine Marketing-Idee?

Fazit: In Alpbetrieben im Tirol isst man überwiegend gut, deftig und heftig – lokale, regionale, ehrliche Gerichte, vieles davon aus eigener Produktion. Vermutlich mit und ohne Gault&Millau-Hüttenguide. Für die frischen Wilden allerdings macht man sich besser selber auf den Wanderweg; dort stehen Klappertopf, Johanniskraut und wilde Rosen stramm. Für den Sternenzauber bleibt ja der Himmel…

Infos

Teddy B, August 2018

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