Nur noch 1400 Gletscher gibt es in der Schweiz, und diese schwitzen und leiden. Was Du immer schon über Gletscher wissen wolltest. Und solltest!

DIE FAKTEN
Anzahl Gletscher in der Schweiz: 1419 (2010)
Jährliche Schrumpfung der Eisdecke: 1 bis 2 Meter
Letztes Gletscher-Opfer: Pizol-Gletscher (2019)
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Frage 1: Wie viele Gletscher hat die Schweiz?

Drei grosse «Gletscherinventare» über 160 Jahre hinweg schaffen einen Überblick. Im Jahr 1850 gab es in der Schweiz noch 1567 Gletscher, welche eine Gesamtfläche von 1621 km2 bedeckten. Im Jahr 1972 war diese bereits auf 1286 km2 geschrumpft. Und im Jahr 2010 – der letzten grossen Messung – betrug die Fläche gerade mal 944 km2, verteilt auf 1418 Gletscher.

Gletscher Schweiz: Immer mehr ziehen sich zurück.

Frage 2: Was nützen Gletscher uns Menschen überhaupt?

Gletscher sind nicht «nur» schön und ein touristisches Magnet – man denke etwa an den Aletsch- oder Rhonegletscher -, sondern haben grossen praktischen Nutzen. Einerseits in Zusammenhang mit landwirtschaftlicher Bewässerung und Wasserkraft, andererseits für die Grundwasserversorgung. Denn die Sedimente von Gletschern bilden häufig wichtige wasserführende Schichten. Und davon profitieren auch wir Menschen «unten» im Tal.

Der Gletschersee des Rhonegletschers 2009.

Frage 3: Was passiert, wenn die Gletscher verschwinden?

Mit dem Abschmelzen der Gletscher in Folge der globalen Erwärmung wird der Meeresspiegel ständig ansteigen, was katastrophale Folgen haben kann. Außerdem sind viele Regionen vom Schmelzwasser der Gletscher abhängig. Es wird zur Energiegewinnung, Wasserversorgung und Bewässerung benutzt. Einige der großen Städte in aller Welt sind sehr anfällig auf den Verlust von Gletschern. Heute sind etwa zehn Prozent der gesamten Erdoberfläche von Gletschern bedeckt; doch jährlich werden es weniger. Zumal die Durchschnittstemperatur global in den letzten 100 Jahren rund 1 Grad Celsius gestiegen ist. Wissenschaftler rechnen deshalb damit, dass die alpinen Gletscher bis Ende dieses Jahrhunderts in der Schweiz ganz verschwinden könnten.


Frage 4: Was bedeutet das zahlenmässig?

In den letzten fünf Jahren haben allein in der Schweiz die Gletscher zehn (!) Prozent ihres Gesamtvolumens eingebüsst. Zwar war der Winter 2018/19 durch einen sehr kalten und – vor allem auf der Alpennordseite – niederschlagsreichen Januar geprägt. Besonders in östlichen Teilen des Landes fielen grosse Schneemengen. Auch der Mai war Schweiz weit deutlich kühler als üblich. Laut MeteoSchweiz sogar der kälteste Mai seit 1991. Aber: Während den zwei intensiven, einwöchigen Hitzeperioden Ende Juni und Ende Juli 2019 schmolzen innerhalb von nur 15 Tagen auf den Schweizer Gletschern Schnee- und Eismassen, die dem jährlichen landesweiten Trinkwasserverbrauch entsprechen! Die dicke Schneedecke von anfangs Jahr war dadurch schnell weg, und die starke Schmelze hielt bis zu den ersten Septembertagen an. Bei vielen Gletschern ging dadurch die mittlere Eisdecke um ein bis zwei Meter zurück. Trauriges Fazit: Seit anfangs des 20. Jahrhunderts sind rund 500, häufig namenlose Gletscher, ganz verschwunden.
Vorerst letzter im Bund der eiskalten Verlierer ist der Pizolgletscher. Dieser ist im Jahr 2019 so klein geworden, dass es nichts mehr zu vermessen gilt…☹.

Wie lange wird sich die Plaine Morte (VS) halten?

Frage 5: Was ist Permafrost?

Permafrostböden bilden sich dort, wo die Jahresdurchschnittstemperatur −1 °C und der Jahresniederschlag 1000 Millimeter nicht übersteigen. Das kann Boden wie Fels, Schutt oder Moräne(n) sein. Als Permafrost wird folglich ständig gefrorener Boden bezeichnet. Taut dieser auf, drohen Naturgefahren wie Steinschlag, Felsstürze oder Murgänge. Der Permafrost an sich ist keine Naturgefahr. Wenn aber Permafrost-Eis in Folge klimatischer Veränderungen schmilzt, kann der Boden an Stabilität verlieren.

Frage 6: Warum ist Gletschereis blau?

Gletschereis entsteht nicht aus gefrorenem Wasser, sondern aus zusammengepresstem Schnee. Dieses Eis funkelt im Sonnenlicht hell- bis dunkelblau. Denn Eis ist physikalisch so aufgebaut, dass es vor allem kurzwelliges, blaues Licht reflektiert und die anderen Farben «verschluckt». Aus diesem Grund wirkt Gletschereis bläulich.

Ein Bild von einem Gletscher: Tsanfleuron (VS).

Frage 7: Welches ist der grösste Gletscher des Landes?

Der grösste Gletscher ist der Grosse Aletschgletscher im Wallis. Mit einer Länge von 23 Kilometern ist er zugleich der grösste Gletscher der gesamten Alpen. Allerdings verliert er jährlich mehr an Volumen; allein zwischen 2016 und 2017 hat er über 80 Meter eingebüsst. Auch der Morteratschgletscher im Engadin verlor in jener Zeit über 20 Meter, der Rhonegletscher 36 Meter. Und der Tsanfleuron-Gletscher im Gebiet von Les Diablerets hat allein im Hitzesommer 2017 einen Verlust von 2 bis 3 Metern seiner mittleren Eisdecke verschmerzen oder vielmehr verschmelzen müssen 🙁 .

Frage 8: Was tut man in der Schweiz gegen die Gletscherschmelze?

Hierzulande sind verschiedene Versuche im Gang, die (verbliebenen) Gletscher zu schützen. Einerseits durch Abdecken – etwa in Form von weissen Planen wie beim Rhonegletscher im Sommer -,  andererseits durch bodenunabhängige, stromfreie Beschneiungssysteme wie im Oberengadin. In Pontresina GR (wo der Morteratschgletscher gerettet werden soll) versucht ein Glaziologe sogar, künstliche Gletscher zu «züchten». «Eis-Stupas» nennt man diese, die Idee dazu stammt aus dem indischen Ladakh. Und lässt sich vereinfacht als «Schmelzwasser-Recycling» umschreiben.

Diavolezza: Von hier führt die Piste über den Morteratschgletscher (GR).

Frage 9: Wie kann ICH als Einzelne(r) den Gletschern helfen?

Gewiss: Das Problem ist vielschichtig und muss global angepackt werden. Trotzdem kannst Du (D)einen kleinen Teil beitragen. Ein paar einfache Beispiele:

    • Wähle für Deine Winterferien keine riesigen Destinationen mit futuristischen, Energie-verschleissenden Bahnen und Dutzenden von künstlich beschneiten Pisten. Weniger ist oft mehr.
    • Muss Du wirklich bereits im Oktober auf die Piste? Nütze stattdessen den Spätherbst für Wanderungen und Mountainbike-Touren in den Bergen!
    • Vertraue bei der An- und Rückreise auf ÖV oder bilde, falls das Ziel gar abgelegen ist, Fahrgemeinschaften.
    • Dorfbusse sind dazu da, bestiegen zu werden. Damit entfallen auch Parkplatzsorgen an den Talstationen vieler Bahnen.
    • Vertraute auch auf Dein eigenes «Kraftwerk», Deine Beine! Winterwandern, Lang- und Schneeschuhlaufen sorgen für eine Top-Belüftung von Körper und Seele!
    • Ein Abendspaziergang durch verschneite Landschaften schafft häufig mehr Stimmung als Actionreiches Nachtskifahren. Auch die Wildtiere werden Dir dankbar sein.
    • Entdecke die kleinen Schönheiten am Wege! Auf der Schwägalp im Appenzell und in Glaubenberg im Kanton Obwalden etwa säumen nachts romantische Laternen einzelne Pfade.
    • Immer mehr Wintersportgebiete setzen (auch) auf Nachhaltigkeit und lassen sich entsprechende Angebote und Aktivitäten einfallen.
    • Tipp bezüglich Kleidung: Wind- und Wasserdicht!

Teddy B ist sich bewusst, dass diese «Tipps» nur ein Tropfen auf den heissen Stein beziehungsweise eis-kalten Gletscher sind. Aber steter Tropfen… – das wissen wir alle. Unsere Gletscher und ich sind Dir dankbar… 😊 .

Teddy B, November 2019

Spannende Gletscher-Links:

Gletscher und ihr Nutzen
Schweizer Gletscher
Gletschervergleiche


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