Das erste fand 1895 in Biel statt, das aktuellste 2019 in Zug: Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest – von trendbewussten Städtern inzwischen schlicht ESAF genannt. Ein ABC für Nicht-Schwinger, die bei den «Bösen» mitreden möchten.

DIE FAKTEN
Anlass: Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest, kurz ESAF
Wann: Alle 3 Jahre
Wo: An welchselnden Orten
Nächstes Austragung: 26. bis 28. August 2022 in Pratteln (BL)

DIE GANZE GESCHICHTE – DAS ABC DES SCHWINGENS

A wie An- und Ausschwingen

Die ersten zwei Gänge eines Schwingfestes bezeichnet man als «Anschwingen»; denn dort treffen jeweils die besten Schwinger aufeinander. Für Spektakel ist garantiert. Gänge drei und vier wiederum werden als «Ausschwingen» betitelt.

…. Arena

Das Schwingfest findet in der «Arena» statt, wobei diese seit Jahren ständig grösser wird. Fasste das Stadion 2007 in Aarau noch 46’000 Zuschauer, punktete jenes in Zug 2019 mit gigantischen 56’000 Plätzen, was ihm den Ruf als «grösstes temporäres Stadion der Welt» einbrachte. Die Wettkämpfe übrigens werden in 7 kreisförmigen Sägemehlringen ausgetragen mit einem Durchmesser von 14 Metern und einer Höhe von 15 Zentimetern.

Betty am ESAF 2019 in Zug – im grössten temporären Stadion der Welt.

… Ausstich

Als «Ausstich» bezeichnet man die Gänge 5 und 6. Beim ESAF sind diese nicht wie bei eintägigen Schwingfesten die letzten Gänge. Es folgt vielmehr in den Gängen 7 und 8 noch der «Kranz-Ausstich».

B wie «Böse»

Eigentlich ein falscher Begriff. Weit treffender wäre «B wie Beste». Denn der durchaus liebevoll gemeinte Begriff gebührt den besten Schwingern des Landes. Meist sind damit die «Eidgenossen» gemeint. Und damit jene Schwinger, die bereits einmal den eidgenössischen Kranz gewonnen haben. Was übrigens die «Bösen» betrifft: Als Siegermuni werden ebenfalls meistens sehr sanfte, liebenswerte Tiere ausgewählt, welche dem Publikumsstress in der Arena gewachsen sind; von «Arnold» (2010) bis zu «Kolin» (2019).

Auch ein lieber “Böser”: “Arnold”  2010 in Frauenfeld mit Fans (Foto: Bruno Torricelli).

C wie Christian Stucki

Ein ganz lieber Böser ist der aktuelle Schwingerkönig Christian Stucki. Die Liste seiner Auszeichnungen ist lang, bereits 2015 wurde der Hüne (1.98 Meter!) zum «Schwinger des Jahres» gewählt. Christian «Chrigu» Stucki stammt aus Aarberg und lebt heute in Lyss (BE).

E wie Eidgenossen

So bezeichnet man einen Schwinger, der an einem Eidgenössischen Schwingfest den Kranz gewonnen hat. Nur rund 15 % bis 18 % der Schwinger erhalten einen Kranz. Daher gilt diese Auszeichnung als grosse Wertschätzung und zeigt die Stärke eines Schwingers.

F wie Fors vo dr Lueg

So hiess der Muni, den Schwingerkönig Matthias Sempach 2013 in Burgdorf gewann. Als einer der ganz wenigen Schwingerkönige verkaufte Sempach «Fors vo dr Lueg» nicht, sondern nahm ihn mit nachhause in seinen Stall bzw. auf seinen Bauernhof.

Begehrt: “Lebendpreise” wie dieses Pferd 2019 in Zug.

G wie Gabentempel

Auch dieser wird – vor allem an den Eidgenössischen – immer grösser. Am ESAF in Zug etwa lagen rund 400 Preise im Wert von rund 1 Million Franken für die Schwinger bereit. Der Sieger erhält als 1. Preis immer einen Lebendpreis, nämlich den Muni oder dessen finanziellen Gegenwert. Bei Siegermuni «Kolin» waren das 2019 in Zug rund 30’000 Franken. In der Regel sind auch die übrigen Lebendpreise für die ersten Ränge fix verteilt. Im Gabentempel können sich die weiteren Schwinger – in der Reihenfolge ihrer Klassierung – nach Abschluss des Festes ihren Lohn für die Leistungen im Sägemehl abholen bzw. selbst aussuchen. Wichtig: Der teuerste Preis im Gabentempel sollte nicht wertvoller ist als der letzte Lebendpreis.

….Gang

Dieser dauert an einem Eidgenössisschen jeweils 6 Minuten (Gänge 1 + 2), 7 (Gänge 3 bis 6) oder 8 (Gänge 7 + 8). Der Schlussgang dagegen dauert 16 Minuten. Entschieden ist der Kampf bzw. der Gang, wenn der Gegner mit dem Rücken ganz oder bis Mitte beider Schulterblätter (vom Kopf oder Po, von linker oder rechter Seite her) gleichzeitig den Boden berührt. Schön ist die Tradition, dass der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken wischt 🙂 .

….Gestellter

So wird im Schwingsport ein Unentschieden bezeichnet. Konkret: Wenn in der vom Kampfgericht bestimmten Zeit keine Entscheidung fällt. Ein Gestellter wird leicht besser als eine Niederlage und deutlich schlechter als ein Sieg gewertet.

… Griff

Zu Beginn eines Gangs wird «gegriffen»; und erst wenn beide Schwinger fest gegriffen haben, gibt der Kampfrichter das OK. Ein Resultat erzielen kann ein Schwinger nur, wenn er die Schwingerhose des Gegners mit – mindestens! – einer Hand noch fest im Griff hat. Eine Ausnahme gibt es: Den Bodenlätz. Das heisst: Hose mit beiden Händen loslassen, den Gegner sofort an der Schulter packen und subito auf den Rücken drücken. Lassen jetzt beide den Griff fahren oder verlassen den Sägemehlring, wird der Gang unterbrochen und es muss in der Mitte neu neugegriffen werden … .

K wie Kleidung

Hier gibt es zwei Varianten. Die «Turnerschwinger» erkennt man an ihren weissen Hosen und Shirts, die «Sennenschwinger» an ihren dunklen Hosen in Kombination mit einem Edelweisshemd. Die Schwingerhosen aus Zwilch werden vom Veranstalter gestellt (in Handarbeit hergestellt!) und sind mit einem robusten Ledergurt ausgestattet. Die helleren Hosen übrigens trägt derjenige, dessen Nachname im Alphabet zuerst vorkommt.
Diese Unterscheidung ist auf die Vereinszugehörigkeit zurückzuführen. Die «Sennenschwinger» üben den Sport in reinen Schwingklubs aus und gelten traditionellerweise als eher ländliche Athleten. Die «Turnerschwinger» wiederum sind im Turnverein aktiv und üben nebst Schwingen auch andere Sportarten aus. «Turnerschwinger» kommen eher aus städtischen Gebieten.

… Kranz

Die besten Schwinger eines Festes erhalten einen Kranz aus Eichenlaub (siehe auch «Eidgenossen»). Dies sind zwischen 15 und 18 Prozent der Schwinger eines Festes. Wer den Kranz holt, ist also ein «Eidgenosse» und folglich auch ein «Böser». Auch der König bekommt übrigens einen Kranz und keine Krone. Durchaus sympathisch……
PS: Der 7. Und 8. Gang heisst am Eidgenössischen «Kranz-Ausstich».

Vielfältiges Rahmenprogramm in Zug.

M wie Musik

Seit das Eidgenössische immer populärer wird, wird auch das Rahmenprogramm und damit die Unterhaltung immer vielseitiger. Inzwischen gehört selbst ein «offizieller ESAF Song» mit dazu. Konnte man «Da da Muh» von Oeschs die Dritten 2013 in Burgdorf noch nachvollziehen, fiel das 2019 beim Song «Maa gägä Maa» der selbsternannten «Büezer Buebe» Gölä und Trauffer schon einiges schwerer. Alteingesessene Schwing-Fans mokieren sich häufig über solche «Trittbrettfahrer».

N wie nächstes ESAF

Das nächste Eidgenössische Schwing- und Älplerfest findet vom 26. bis 28. August 2022 in Pratteln (BL) statt. Infos

2019 in Zug, 2022 in Pratteln: ESAF allover.

P wie Plattwurf

Wer einen Gegner platt auf den Rücken bettet, erhält die Maximalnote von 10,00 Punkten. Muss der Schwinger im Sägemehl noch nachdrücken, erhält er die Note 9,75 (siehe auch «P wie Punkte»).

…Punkte

Für einen Wurf auf den Rücken gibt es die Höchstzahl von 10,00 Punkten. Mindestens zwei Drittel der Schulterblätter müssen dabei im Sägemehl liegen. Wird der Gegner erst am Boden überwältigt, werden 9,75 Punkte gegeben. Ein Unentschieden («Gestellter») gibt je nach Attraktivität 8,75 oder 9,00 Punkte. Dabei müssen übrigens nicht beide Schwinger gleich hoch bewertet werden! Die Grundregel gilt: Wer aktiver ist, wird mit mehr Punkten belohnt. Wer verliert, bekommt 8,50 oder 8,75 Punkte.

S wie Schlussgang

Am Ende des Fests – also am Sonntagnachmittag bzw. nach 7 Gängen – treten die beiden Schwinger mit der höchsten Punktzahl zum Schlussgang an und tragen den Sieg untereinander aus. Dieser Schlussgang gehört zu den Höhepunkten eines jeden Eidgenössischen und ist mit 16 Minuten Dauer länger als jeder andere. Der Sieger bekommt immer 10,00 Punkte, der Verlierer immer 8,75 Punkte.

Traum aller Schwinger: Siegermuni “Kolin” 2019, Zug.

S wie Schwingerkönig

Alle drei Jahre wird am ESAF während zwei Tagen der Schwingerkönig erkoren. Die Bezeichnung gilt dem Sieger des Schwingfestes und hält lebenslang (siehe auch «C wie Christian Stucki»). Es gibt keine Ex-Schwingerkönige … .

S wie Schwünge

Es gibt über hundert Schwünge, die im Schwingerlehrbuch festgehalten werden. Doch welcher Schwung auch angewendet wird: Das Ziel ist immer, den Gegner aufs Kreuz zu legen. Die fünf Hauptschwünge sind der Brienzer, der Bur, der Hüfter, der Kurz und der Übersprung.

Ein Herz und eine Seele: Teddy B mit Schwingerkönig Kilian Wenger (2010) und Fan.

V wie Verboten

Im Schwingen wird Fairness gross geschrieben. Absolut verboten: Doping, Würgen, Hebeldruck auf die Gelenke ausüben oder anhaltendes «Kopfeinstellen» (ungespitzt in den Boden … ), Zuschlagen, den Kampf verweigern. Und: Kurze Hosen.

Z wie Zeitdauer

Am Samstag eines ESAF dauert ein Gang 6 Minuten, am Sonntagmorgen 7 Minuten. Am Sonntagnachmittag («Kranz-Ausstich») dann 8 Minuten. Bleibt der Schlussgang mit «ewigen» 16 Minuten.

Warten auf Spektakel: Teddy B in Burgdorf 2013.

Die Schwingerkönige der letzten 6 Eidgenössischen:

  • 2019 (Zug): Christian Stucki
  • 2016 (Estavayer-le-Lac): Matthias Glarner
  • 2013 (Burgdorf): Matthias Sempach
  • 2010 (Frauenfeld): Kilian Wenger
  • 2007 (Aarau): Jörg Abderhalden
  • 2004 (Luzern): Jörg Abderhalden

Drucke Dir diese Infos aus und nimm sie mit ans nächste ESAF – so bist Du top im Bilde 🙂 !

Teddy B in der Heimat von Kilian Wenger:

Diemtigtal: Wo bitte gehts zum Schwingerkönig?

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Crash-Kurs Schweiz: Von A bis CH

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